Viele Väter wollen sich mehr um die Erziehung kümmern, scheitern aber oft in der Praxis
"Neuen Vätern" ist die Pflege und Erziehung auch ihrer allerkleinsten Kinder nicht egal.
dpa / Jens Schierenbeck
Vom 09.11.2005
Vor 30 Jahren war noch alles anders: Nervös lief der werdende Vater vor dem Kreißsaal auf und ab und rauchte eine Zigarette nach der anderen, bis endlich die Hebamme kam und dem jungen Papa verkündete, ob es ein Mädchen oder ein Junge geworden war.
Von Kai Portmann
"Heute erleben etwa 90 Prozent aller Väter in den deutschsprachigen Ländern die Geburt ihres Kindes mit", sagt der Psychologe Harald Werneck von der Universität Wien. Für ihn eines der Indizien dafür, dass es einen anderen Typ von Vätern gibt: "Neue Väter", die sich um die Pflege und Erziehung auch der allerkleinsten Kinder kümmern oder zumindest kümmern wollen.
Die Mutter ist "die von der Natur dafür vorbestimmte primäre Bezugsperson von Säuglingen und Kleinkindern", hieß es noch 1951 in einem Bericht der Weltgesundheitsorganisation WHO. Dem Vater fehle es an den biologischen Voraussetzungen für eine stabile emotionale Bindung an sein Kind. Seine Aufgabe sei die wirtschaftliche Absicherung.
"Babys merken es, wenn man sich nur halbherzig um sie kümmert."Erst mit der Väterforschung seit den 70er Jahren setzte sich die Erkenntnis durch, dass auch Väter nicht weniger fähig sind zur Bindung an das Kind wie die Mutter. "Dem Vater ist ein oft unterschätzter Einfluss auf die kindliche Entwicklung zuzuschreiben", sagt Werneck, einer der führenden Familien-Experten.
Diese Erkenntnis der Wissenschaft ist mittlerweile weitgehend anerkannt. Doch der Wille der modernen Väter zu mehr Einsatz und Anteilnahme schon bei der Erziehung der Kleinsten stößt schnell an Grenzen. "Es gibt einen Wandel im Selbstverständnis, aber in der praktischen Umsetzung gibt es Probleme", sagt Eberhard Schäfer von der Berliner Männer-Beratung "Mannege". Väter gehen mit zum Geburtsvorbereitungskurs, sind bei der Entbindung dabei und bleiben anschließend eine Weile zu Hause. "Dann aber geht es ganz schnell wieder in die tradierten Rollen zurück."
Die Ursachen dafür sind unter anderem der starke Druck auf dem Arbeitsmarkt oder ein geringeres Familieneinkommen, weil die Frau nicht mehr dazu verdient. "Die Väter stürzen sich dann in noch mehr berufliche Arbeit, um das Finanzloch zu stopfen", hat der Familienpsychologe Professor Matthias Petzold festgestellt. Der Trend zum "neuen Vater", zu mehr Engagement bei der Kindererziehung, ist für ihn deshalb vor allem eine "Zielvorstellung" der Väter. Dennoch sollten sich ambitionierte Väter nicht entmutigen lassen. "Der Bogen wird überspannt, wenn man vom Vater genau dasselbe verlangt wie von der Mutter", betont Professor Horst Petri, Arzt für Kinder- und Jugendpsychiatrie.
Väter hätten nicht per se einen Vorsprung der Mutter in der Bindung zum Kind aufzuholen. "Es gibt unterschiedliche Phasen der Nähe und Distanz, im Idealfall ergänzt sich das", meint Petri. Der Papa sei der so genannte Dritte, der dem Kind bei der notwendigen Ablösung von der Mutter Halt biete. "Es geht um die emotionale Bindung, nicht um Präsenz."
Eberhard Schäfer von Mannege rät Papas, sich exklusive Zeit für den Nachwuchs zu reservieren. "Babys nehmen das sofort wahr, wenn man sich nur halbherzig mit ihnen beschäftigt", sagt der Fachmann. Hilfreich für die Vater-Kind-Bindung seien Rituale und eigene Aufgabenbereiche, etwa das Baden des Kindes. "Das hat mit körperlicher Nähe und Wärme zu tun."
Damit aber die Väter schon bei der Erziehung des Babys eine größere Rolle spielen können, müssen die Mütter auch bereit sein, ihr Machtmonopol aufzugeben. "Das Loslassen ist nicht einfach", sagt Familienpsychologe Petzold. Dass Vätern gerne etwas aus der Hand genommen wird, weiß auch Mannege-Berater Schäfer. Mamas und Omas mischten sich oft sofort ein, wenn die Windel mal schief sitze. Neue Väter brauchen seiner Erfahrung nach deshalb ein breites Kreuz. "Das ist auch eine Frage des Selbstbewusstseins."